Chancen und Risiken des adaptiven Lernens | CHECK.point eLearning
equeo-Blog

Chancen und Risiken des adaptiven Lernens

Vera Gehlen-BaumBerlin, November 2015 - Die equeo GmbH lädt in loser Folge Partner und Experten aus ihrem Netzwerk als Gastautoren in ihren Blog ein. Vera Gehlen-Baum ist Doktorandin an der LMU in München. Sie beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Einsatz von mobilen Geräten in der Lehre und wie verschiedene Lernarrangements mithilfe von Technologien im Sinne des adaptiven Lernens unterstützt werden können.

In einer Vielzahl von Lernszenarien bekommen Lernende neue Inhalte vermittelt, ohne dass auf ihre individuellen Bedürfnisse oder ihr Vorwissen eingegangen wird. Adaptives Lernen mit technologischer Unterstützung soll hier Abhilfe schaffen.

Als Musterbeispiel der einseitigen Wissensvermittlung kann sicherlich der Vortrag gelten, in der ein Vortragender neue Inhalte einer – manchmal nur durch die Raumgröße begrenzten – Menge an Zuhörern vermittelt. Aber auch in kleineren Lehrveranstaltungen, zum Beispiel Schulungen, Workshops oder Seminaren, nehmen viele Lehrende die Gelegenheit wahr, ihr antrainiertes Wissen über den Teilnehmern auszuschütten. Dabei nutzen viele Lehrende die Inhalte als eine Art Fixstern, an dem sie die gesamte Lehre und vor allem die Übungsmöglichkeiten ausrichten. Lernende geraten so mit ihren Präferenzen, Interessen und ihrem Vorwissen leicht in den Hintergrund. Wichtig scheint, dass das Curriculum erfüllt und das vorgenommene Stoffpensum geschafft wird.

Wie wäre es aber, wenn man Lernende ihre Lernziele selbst bestimmen ließe? Wenn man die Bedürfnisse des Einzelnen in den Vordergrund stellt und bereits vorhandene Fähigkeiten aufgreift und weiterentwickelt? Wenn man die Fähigkeiten und das Lernen dann unterstützt, wenn sich die Möglichkeit dazu bietet und nicht wenn man einen Raum gebucht hat?!

Diese Anforderungen, die heute immer mehr an modernes Lernen gestellt werden, können mithilfe von adaptiven Lernszenarien erfüllt werden. Sie können auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden und somit verschiedene Aufgaben erfüllen. Da eine Vielzahl von Voraussetzungen, zum Beispiel genaue Kenntnis über Lernziele, aktuellen Wissenstand und Kompetenzen der Lernenden, berücksichtigt werden sollten, wird adaptives Lernen in den meisten Fällen durch den Einsatz von, speziell hierfür entwickelter, Lernsoftware unterstützt. Adaptive Lernsoftware wertet bereits erfasste Daten aus, um dem Lernenden im passenden Moment die richtigen Inhalte und Instruktionen zur Verfügung zu stellen.

Im Folgenden soll anhand von Beispielen aufgezeigt werden, wie sich die drei Anforderungen an adaptives Lernen – selbständiges Bestimmen von Lernzielen, adäquater Umgang mit Vorwissen und Wissenserwerb und der zielgerichtete Einsatz von erworbenen Kompetenzen in bekannten und neuen Situationen – in einer Lernumgebung umsetzen lassen. Idealerweise sollen die einzelnen Komponenten in einer Lernumgebung verbunden sein, um eine möglichst umfassende Unterstützung bieten zu können.

Lernziele

Häufig ist Lernenden nicht immer klar, was sie mit Hilfe eines Workshops oder einer Schulung für sich selbst erreichen möchten. Vor allem dann, wenn der Personalvorgesetzte eigene, vielleicht mit denen des Lernenden kollidierende Ziele erreichen möchte, wie zum Beispiel das Erlernen des Umgangs mit einem Tool, das vom Lernenden als nicht sinnvoll eingestuft wird. Ein sogenanntes ePortfolio, in dem der Lernende seine aktuellen Kompetenzen, aber vor allem auch Ziele und bereits erreichte Zwischenziele festhält, kann helfen, sich über seine eigenen Bedürfnisse klarer zu werden.

Während in einem Bank-Portfolio verschiedene Wertpapiere gesammelt werden, soll ein E-Portfolio den Wissenstand und die Kompetenzen des Besitzers abbilden. Dabei ermöglichen ePortfolios einen schnellen und strukturierten Überblick über die bereits erreichten Fähigkeiten des Einzelnen, beziehungsweise welche Ziele noch erreicht werden sollen. Dies wiederum erleichtert auch die Messbarmachung der zu erreichenden Ziele.

Vorwissen und Wissenserwerb

Vorwissen ist ein wichtiger Prädiktor für den Lernerfolg. Die regelmäßige Abfrage von bereits vorhandenem Wissen oder dem zuletzt Gelernten kann helfen, neue Methoden und Inhalte zu verinnerlichen und dadurch anwenden zu können. Je genauer der aktuelle Wissenstand des Lernenden ermittelt werden kann, desto genauer können ihm auch Aufgaben, Probleme aus der Praxis, Lehrvideos oder Podcasts zur Verfügung gestellt werden. Häufig wird das Wissen durch einen initialen Wissenstest abgefragt. Dadurch kann jedoch nur der Wissenstand zu einem bestimmten Zeitpunkt erfasst werden.

Mithilfe von Beacons, die beispielsweise in der Kaffeeküche oder im Aufzug angebracht werden, können den Lernenden auch während oder nach einem Lernprozess verschiedene Aufgaben als Push auf ihr Smartphone zur Verfügung gestellt bekommen. Diese können zum Beispiel inhaltlicher Natur („Weißt du noch, wie eine Lösung zu der Frage xy aussehen könnte?“) oder kollaborativer Natur („Tausche dich mit deiner Kollegin darüber aus wie gut ihr die gelernte Kompetenz anwenden konntet.“) sein und dafür genutzt werden, herauszufinden, an welcher Stelle der Lernende noch Defizite ausweist oder wo er sich weiter spezialisieren möchte.